Ob er gleich abhebt, der "Kunsthubschrauber" des "European Award for Pop Surrealism and Urban Art"? Ein von fünf Künstlern per Graffiti veredeltes Ungetüm steht derzeit direkt vor dem Haupteingang zur siebten art KARLSRUHE, die noch bis kommenden Sonntag, 7. März, Klassische Moderne und Gegenwartskunst in allen Preisklassen anbietet. Die Flugmaschine ist ein Symbol für die Tatsache, dass die Sinne anregend ins Rotieren geraten.
Nach dem erfolgreichen Auftakt am Mittwoch bewies der Folgetag mit erfreulichem Zuspruch (1000 Besucher mehr als am gleichen Tag des Vorjahres), dass das kontinuierliche Verfeinern von Angebot und Service durch den Messe-Kurator Ewald Karl Schrade beim Publikum großen Anklang findet. Peter Weibel, geschäftsführender Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie, ZKM, kaufte am Donnerstag ein, und der weltberühmte, wohl herausragendste Komponist zeitgenössischer Opern, Wolfgang Rihm, stattete der art KARLSRUHE ebenfalls einen Besuch ab. Und die Geschäfte? Die Stuttgarter Galerie Schlichtenmeier, spezialisiert für Modernes, etwa das Informel, vermeldete den Verkauf eines unbetitelten Gemäldes von Ernst Wilhelm Nay aus dessen Reihe der "Rhythmischen Bilder" (datiert auf 1951) für über 100 000 Euro in eine südbadische Sammlung.
A propos Rhythmus. Den besitzt die art KARLSRUHE, denn die neunzehn Skulpturenplätze lockern den Weg und schaffen Blickachsen. Zum Beispiel beim Gemeinschaftsstand der Berliner Galerien Tammen und Gaulin und Partner in Halle 3: Eigentlich sind sie beinahe winzig. Diese kleinen gebrannten Tonplastiken schuf Volker März, und sie gehören mittlerweile zum festen Bestandteil der Messe. In diesem Jahr jedoch nehmen sie sich den Raum, um uns die Absurdität unseres Daseins vorzuführen. Kniehohe Tischchen, in konzentrischen Kreisen angeordnet, sind die Plattformen für die Dramen der Miniaturen des 1957 geborenen Künstlers. Sie tragen überdimensionale Radiergummis, Glasscheiben oder mühen sich grotesk mit Elefanten ab. Inmitten des Reigens, in dem Prominente wie Joseph Beuys, Genosse Stalin und der Denker Peter Sloterdijk unterwegs sind, steht ein nackter Kerl mit einer Pistole und will das Glas des Philosophen zerschießen. Minimalistisch und konkret geht’s dagegen in Halle 2 zu. Die Mannheimer märz galerie präsentiert ein Ensemble aus vier großen Körpern, knapp über vier Meter hoch und in Aluminium, Corten- und Edelstahl. Inmitten der zerlegten Pyramide wird es eng. Physisch erfährt man die Neigungen und zugleich die Schönheit der geometrischen Gebilde.
Zum dritten Mal verlieh die Hans Platschek Stiftung, Hamburg, gestern zur art KARLSRUHE den Hans-Platschek-Preis für Kunst und Schrift. Die 1970 im polnischen Sabrze geborene Monika Grzymala ist die Preisträgerin in diesem Jahr. Seit gut 30 Jahren lebt sie in Deutschland. Ihre besondere Leistung trifft sich mit derjenigen des Namensgebers mehr als trefflich. Nicht nur, dass sie sich für die Ehrung mit einem eigenen Werk bedankte. Wortgewand hielt sie gar eine Laudatio auf den großen Kritiker und Maler. Das Geschenk an die Stiftung ist eine wunderbare kleine Arbeit, die sie aus Textfragmenten Platscheks auf einen Sockel elegant komponierte. Schmale, fein gewölbte Papierstreifen, eine Reminiszenz an den Grundstoff ihres Schaffens, die Linie, bilden eine poetische Auseinandersetzung mit Raum und Zeichnung. Überdies war es Grzymala, die die Werke von Hans Platschek zur Ausstellung aussuchte und mit ihren eigenen Arbeiten konfrontierte. Axel Hecht, Juror in diesem Jahr, kunstjournalistisches "Urgestein", wie Stiftungsvorstandsmitglied Manfred Eichel ihn bezeichnete, charakterisierte in seiner Laudatio die teils vergängliche Arbeit der jungen Künstlerin, die derzeit mit großem Erfolg den Kunstbetrieb erobert: "Weil viele ihrer Werke raum- und zeitbezogen sind, hilft Monika Grzymala das Schreiben gegen die Vergänglichkeit". Dass sie dieses Handwerk neben der Steinbildhauerei und dem Restaurator-Handwerk glänzend beherrscht, bewies sie in ihrem Vortrag.
Diese Messe ist nicht nur ein Markt, sondern desgleichen ein Ort, der Diskussion und Positionierung der Kunst in der Gesellschaft. Das vorzügliche Format hierzu bietet im Foyer Ost das zweitägige ARTIMA art meeting, an dessen durchweg gut besuchtem ersten Tag im Zentrum das Motto "Kunst für alle" am Beispiel der Vervielfältigungsmedien stand. Die 20-minütigen Gespräche moderierte Karlheinz Schmid, Chefredakteur der KUNSTZEITUNG. Mit Kurzweil klärte Klaus Staeck, Künstler und Präsident der Berliner Akademie der Künste, über die Geschichte von Kunstmessen auf. In Köln nahm sie ihren Ausgang und entwickelte sich im Spannungsfeld zwischen Elite und Demokratisierungsbestrebungen in den Sechzigern. Axel Hecht, Gründer und langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift "Art", legte dar, wie die Kritik trotz allgemeiner Verständlichkeit sowohl den Werken als auch den Künstlern gerecht zu werden vermag und für jeden verständlich wird. Dass Druckgrafik quasi eine "Einstiegsdroge" darstelle, meinte Galerist Frank-Thomas Gaulin. Dem aber widersprach Klaus-Gerrit Friese, Vorsitzender des Bundesverbands deutscher Galerien. Der Kölner Künstler Jürgen Klauke beschrieb aus dem Werk heraus, wie sich das Verhältnis zwischen Unikat und Auflage in seiner Kunst bestimmt. Die besondere Rolle des Zusammenspiels zwischen Sammler, Künstler und Händler erläuterte Carol Johnssen, die sich seit gut 20 Jahren mit ihrer Galerie in München um die Beseitigung von Schwellenängsten bemüht.
Dass gerade die art KARLSRUHE eine Messe ist, in deren Partitur der Gedanke einer Kunst für alle hineinkomponiert ist, spiegelt sich besonders in Halle 1. Dort nämlich lädt die Museumsmeile ein, nicht nur Kunst zu erwerben oder zu betrachten, sondern gleichermaßen um Akteure aus der Vermittlung kennen zu lernen. Ewald Karl Schrade: "Der Betrieb besteht ja nicht nur aus dem Markt. Bei uns engagieren sich alle Kulturträger, ob Kunstverein, Museum, Verband. Somit tragen Kollegialität und Solidarität die Messe – erlebbar für jeden von uns."
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